Versprechen

Gerade erleben wir Zeiten, in denen viel versprochen wird. Versprechen haben besonders dann Konjunktur, wenn verbreitet der Eindruck herrscht, es laufe nicht gut, wenn Frust herumwabert und sich Unzufriedenheit ausbreitet. Alle, die man für zuständig hält, Dinge zu regeln, bestenfalls zu lösen, werden adressiert mit der Aufforderung, sich zu kümmern.

Selten wird von den so Angesprochenen darauf mit dem Eingeständnis reagiert, dass man selbst keine Idee, keine Antwort habe und auch sonst nicht weiterwisse. Stattdessen werden vollmundig Versprechen - die immer wieder gleichen oder auch mal neue - geäußert, die meistens zu gut klingen, um auch nur ansatzweise erfüllbar zu sein.

Oft genug stellen sich diese Versprechen eher als Versprecher heraus. Aber sie verschaffen denjenigen in politischen und anderen Macht-Ämtern scheinbar erst einmal Luft.

Doch reicht die oft kaum mehr aus, um den schnell hintereinander und gleichzeitig gestellten Forderungen und den ebenso schnell geäußerten Versprechen auch etwas folgen zu lassen, das die Gemüter beruhigt bzw. langfristig einen Weg aufzeigt, auf dem alle miteinander nach vorne kommen.

Die Aufgaben der Zeit lassen sich nicht mehr mit alten Mitteln beantworten.

Versprechen haben den großen Nachteil: Sie werden gegeben und erfordern Konsequenz, wenn man sie ernst meint. Wenn diese Konsequenzen nicht eintreten und wenn dies immer wieder passiert, glaubt man keinem Versprechen mehr. Stattdessen macht sich Vertrauensverlust breit, der nicht nur die trifft, die ihre Versprechen nicht halten, sondern alle, die versuchen, Szenarien zu entwickeln, für die es sich zu engagieren lohnt.

Es werden Chancen verspielt, Visionen zu öffnen, die Mut machen, die Entwicklungen aufzeigen, die die Lust darauf wecken, selbst aktiv und Teil einer Bewegung zu sein, die nichts verspricht, die allerdings hält. Denn das bedeutet: Anstrengung. Forderungen werden dann nicht schnell bedient, sondern zurückgespielt und in gegenseitiger Verantwortung ausgehandelt. Ganz im Sinne einer demokratischen Haltung.

Anstatt also in Wahlkämpfen, in Sonntagsreden, zu bestimmten Gedenk-Anlässen etwas rauszuhauen, das kurzfristig in Watte hüllt, sich aber mittel- und langfristig als Chimäre erweist, wäre es den Versuch wert, Menschen damit zu konfrontieren, dass die weichgespülten Zeiten vorbei sind. Weder richten es Geldgeschenke, noch macht Konsumlust die Verluste wett, und auch die Fluchten aus der Wirklichkeit sind nicht die Lösung.

Die Freude daran zu wecken, etwas aufzubauen, etwas zu entwickeln, Ideen zu teilen und miteinander auf den Weg zu bringen - damit könnte man mehr erreichen, als jedes Versprechen, das so schnell verpufft wie eine Silvesterrakete.

Es sei denn, man würde Versprechen einmal wieder so auffassen und handhaben, wie Hannah Arendt es formuliert hat:

„Versprechen sind die einzigartige menschliche Art, die Zukunft zu ordnen, sie vorhersehbar und zuverlässig zu machen, soweit dies menschlich möglich erscheint.“

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Zumutung