Dekadenz
Sind diese Zeiten dekadent? Sind Reality-Shows, öffentliches Brimborio und Katzenvideos in Social -Media-Kanälen Anzeichen davon, dass es weltweit abwärts geht?
Es gibt tatsächlich jede Menge Hinweise dafür, dass es mit der Ernsthaftigkeit, mit der Anwendung des Verstandes, mit einer strategischen Zukunftsausrichtung gerade nicht so gut steht. Ob wir es tatsächlich nie verstanden oder gelernt haben, ob es uns zu mühsam erscheint, zu unspaßig - das, was sich gerade breit macht ist weniger Besinnung auf Inhalte und stattdessen Tanz auf der Oberfläche.
Ja, es ist Vieles, das uns von allen Seiten um die Ohren fliegt. Nur: Mit Kosmetik, mit Glitzer, mit dem Rückzug in eine kleine eigene, vermeintlich heile Welt ist diese Entwicklung nicht aufzuhalten. Und es löst sich auch kein Problem dadurch, dass man es ignoriert und so tut, als stünde man über den Dingen.
Vielleicht kann eine priviligierte Gruppe von Menschen mit dieser Vorgehensweise noch einen Status Quo retten und es sich leisten, zu der Brisanz der Themen auf Distanz zu gehen. Das, was dann passiert ist die Verlagerung der Auseinandersetzung in Talkshows, in der sich stellvertretend andere die Köpfe heiß reden über etwas, das sie entweder nicht verstehen, wozu sie sich selbst nicht in der Verantwortung sehen oder was sie – abgesehen von der damit verbundenen Öffentlichkeitswirkung – nicht wirklich interessiert. Und morgen erhitzt ohnehin schon der nächste Aufreger die Gemüter. Da kann man nun nicht in jede Thematik tiefer eintauchen und sich substanziell mit der eigenen Verantwortung diesbezüglich beschäftigen.
Überhaupt lautet die bevorzugte Taktik, alles, was stört, von sich fern zu halten. Dafür sind andere zuständig. Die hat man gewählt, die sitzen in den wichtigen Positionen, die sind mächtig. Diese anderen. Man selbst ist da raus.
So findet gesellschaftlich immer weniger Diskurs statt, wird nur noch in Stellvertreter-Varianten geredet - was selten einer konstruktiven Debatte entspricht - und anonym in diverse Kanäle hineingekübelt. Man ist schnell dabei, wenn es darum geht, sich zu beklagen über die Entscheidungen derjenigen, von denen man vernünftiges Handeln erwartet. Eigenes Engagement - ohje, gerade keine Zeit.
Das ist der Punkt, an dem sich Dekadenz breitmacht. Der Betrieb, der immer mehr ins Stocken gerät, wird hinter schicken Blendfassaden verborgen. Dort versucht eine kleine Nomenklatura, die immer größer werdenden Schäden zu kaschieren, während draußen vor schön gemalter Kulisse Party gefeiert wird.
Denn wir wollen nicht hinter diese Fassade schauen. Wir wollen schon mal gar nicht selbst anpacken und uns um den Betrieb kümmern. Stattdessen hoffen wir darauf, dass das Freibier nicht ausgeht und immer wieder neue Sternchen den Glamour liefern.
Dabei verwechseln wir die Erde mit dem Paradies. Die könnte dieser Planet vielleicht sein, wenn wir uns mit Herz und Verstand darauf bewegen und uns kümmern würden. Stattdessen lassen wir den Erdball verfallen und versuchen, auf den letzten Metern noch einzukassieren, was immer uns möglich ist.
Weniger Dekadenz, mehr Zurückhaltung - das würde uns gut tun. Und Vielen anderen auch.