Zumutung
Für Viele erscheint das Leben wie eine Zumutung. Ob es um den politischen Betrieb geht, um wirtschaftliche Entwicklungen, die Medien, um die Schule, den Arbeitsplatz, die Nachbarn - die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Wie schade. Wo es doch so Vieles gibt, wofür sich ein mutiges Aufbrechen lohnen würde.
Wenn wir es nicht schaffen, das hiesige Leben, das in so vielen Punkten mehr gibt als es nimmt, auch in dieser Weise wahrzunehmen, dann fehlen in der Konsequenz die Kraft, die Freude, die Ideen und eben der Mut, um auf dieser Basis auch weiter etwas Ermutigendes zu machen.
Die Dinge, die schlecht laufen, die gibt es. Und es ist nicht möglich, sie aus der Welt zu schaffen, indem man sie schönredet, unter den Teppich kehrt und ignoriert. Doch es ist eben auch nicht damit getan, sie allesam als Zumutung zu empfinden, die einem von irgendwem aufgebürdet wurde.
Alles, was uns belastet, stört, ärgert ist da, weil wir lange so getan haben, als sei die Welt ein Selbstbedienungsladen, der einem preisgünstig - besser gleich umsonst - alles bietet. Selbst das, was man sich gar nicht vorstellen konnte. Und geliefert wird auch noch. Frei Haus.
Doch nun stellen wir konsterniert fest: ohje, so einfach ist es ja nicht. Es hat ja Folgen, wenn wir so bedenkenlos handeln. Und diejenigen, die diese Folgen seit langen Jahren über sich ergehen ließen, melden sich plötzlich zu Wort. Denn sie sind nicht länger bereit, die Zumutungen zu ertragen, die eine Minderheit der Menschen verursacht, die sich im Selbstbedienungsladen gütlich hält.
Das wiederum halten nun wir für eine Zumutung, diesen Protest nicht nur zur Kenntnis nehmen zu müssen, sondern uns auch noch mit den Schäden konfrontiert zu sehen, die wir selbst angerichtet haben.
So kreuzen wir die Arme über der Brust, schauen beleidigt aus der Wäsche und sind empört darüber, dass uns nun dieser Ball zurückgespielt wird. So haben wir nicht gewettet. Und schnell werden die Schotten dicht gemacht: bloß auf Zeit spielen und abwehren.
Dabei steckt in Zumutung der Mut doch drin. Suchen wir einmal andere Begriffe, die die Last der gefühlten Zumutungen auflösen könnten: Zuvertrauen, Zuversicht, Zugewandtheit. Am besten gleich in dieser Kombi. Rein ins kalte Wasser.
Mut erzeugt Vertrauen. Vertraut man sich und anderen, kann man den Blick erwartungsvoll nach vorne richten, und dem, was sich da an Möglichkeiten auftut, wenden wir uns neugierig zu. Da muss doch was zu machen sein!
Aus belastend empfundender Zu-mutung eine Haltung zu gewinnen, die „Mut zu“ etwas macht - zu Experimenten, zu Miteinander, zu neuen Ideen, zu Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens und noch Vielem mehr - das wäre ein Energietreiber.
Und der könnte nicht nur Manches zum Besseren wenden, sondern würde Hoffnung geben, dass wir Menschheit nicht als nörgelnde Spezies in die Erdgeschichte eingeht, sondern als vernunftbegabte, kreative, soziale Wesen mit Erfindungsgeist und dem Bestreben, die Welt zu einem Raum zu machen, in dem genug Platz ist für ein munteres Zusammenleben. Ganz schön verwegen.
Rein ins kalte Wasser. Kann ganz schön erfrischend sein.