Risiko

Manche meinen, das Leben sei per se ein Risiko, das man beherzt angehen solle. Andere leben nach dem Prinzip, jedem potentiellen Risiko aus dem Weg zu gehen. Die einen lieben es und suchen darin den extremen Kick. Die anderen versuchen, alles im Detail zu analysieren und jedes Risiko auszuschalten.

Ob bereits in der Schule über die „SWOT“-Analyse zwischen erstrebenswert - Stärken und Möglichkeiten - und unbedingt zu vermeiden - Schwächen und eben diese Risiken - unterschieden oder später die Geldanlage in Risiko-Klassen eingestuft wird: Das Risiko ist wie das Damokles-Schwert, das über einen herabsausen kann. Und dann ist es vorbei mit dem so schön geregelten Dasein.

Was uns heute vielfach umgibt, sind nicht nur Risiken, die die Menschheit begleiten, seit sie sich aufgerichtet und auf den Weg gemacht hat, um sich über den Erdball zu verteilen.

Was heute die verbreitete Übellaunigkeit bis Verängstigung über alle Teile der Gesellschaft hervorruft, ist dramatischer. Die Welt und Vieles, was sich dort zeigt, wird wahrgenommen als eine Sammlung an Bedrohungen. Diese sind nicht diffus, nicht nur möglich, nicht tendenziell einschränkend oder gefährlich. Die sind da.

Während im 20. Jahrhundert nach den zerstörerischen Weltkriegen die Hoffnung aufkeimte, dass man das Risiko weiterer solcher Katastrophen mit Vernunft, Diplomatie, über wirtschaftliches Wachstum, globalisierte Finanzströme und andere Vereinbarungen ausschalten konnte, verpuffen diese Träume im 21. Jahrhundert gleichzeitig an vielen Stellen.

Die Risiken des 20. Jahrhunderts schienen über Verhandlungen in demokratischer Weise handhabbar zu sein. Sie waren da, aber griffen selten direkt ein in das persönliche Leben. Es handelte sich um weitgehend politische Krisen, die politisch gelöst werden sollten. 

Im 21. Jahrhundert haben wir es mit einer anderen Dimension zu tun, in der aus Risiken ganz konkrete Bedrohungen geworden sind:

Der Klimawandel betrifft nicht nur eine Region weit weg vom eigenen sicheren Umfeld und kann mit ein paar kleineren Maßnahmen oder Geld behoben werden. Krieg findet nicht statt auf irgendeinem anderen Kontinent ohne Einfluss auf das Land, in dem man lebt. Pandemien betreffen nicht ein fernes Gebiet, in das man medizinische Hilfe schickt. Technologische Entwicklungen ermöglichen nicht einfach mehr Wohlstand. Demokratie ist nicht ausschließlich ein Fall für Wahlen.

All das hat Auswirkungen auf das eigene Leben, trifft Familien und Freunde und die eigene Freiheit und Sicherheit. Ganz konkret. 

Jedes Thema ist nicht mehr nur eins für den Stammtisch - der sich auf frustriert-wütende Art in den digitalen Raum verlagert hat - oder für eine mehr oder minder laute Demonstration auf den Straßen, sondern greift in das persönliche sowie gesellschaftlich Leben ein. 

Dies wiederum nicht nacheinander oder nur partiell, sondern gleichzeitig und in einem Zusammenspiel, das nicht kontrollierbar scheint und dem man sich ausgesetzt fühlt.

Man hat es also weniger mit Risiken zu tun, mit etwas, das möglicherweise passieren könnte, dem man jedoch etwas entgegensetzen kann. Hier steht man Bedrohungen gegenüber, gegen die man keine Instrumente zur Verfügung hat.

Anders ausgedrückt: Es ist nicht mehr fünf vor zwölf, sondern bereits nach High Noon.

Und nun? Wo sich die Ernüchterung und die Erkenntnis breit gemacht hat, dass die Verantwortlichen in den Institutionen aus Politik und Wirtschaft scheinbar nichts unternehmen wollen oder können, um dem Ganzen etwas Wirksames entgegenzusetzen, zieht sich ein Großteil der Menschen resigniert zurück und übt sich in Ignoranz. Da kann man dann wohl nix machen.

So probieren es Kinder: Hände vor die Augen, dann sieht man sie nicht und sie sind sicher.

Doch dieses Prinzip gehört genau dahin: ins Kinderzimmer. Eine Gesellschaft aus Erwachsenen, die seit Jahrzehnten versucht hat, Risiken zu vermeiden oder diese nur aus Freizeitinteresse zu wagen, muss sich nun raus begeben und die Ideen finden, um mit einer bedrohten Welt verantwortlich umzugehen. Nicht nur aus Eigeninteresse, sondern auch, weil wir auf einem Planeten leben, der uns und einer Bevölkerung von mittlerweile ca. 8 Milliarden Menschen, einer Flora und Fauna, die uns umgibt und einer Atmosphäre, die uns Sicherheit geben sollte, schon weitaus länger als nur ein Jahrhundert ein Zuhause geboten hat.

Da lohnt es sich doch, ins Risiko zu gehen, um doch noch zu gewinnen. Um diese Möglichkeit sollten wir uns kümmern.

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