Wende

Nun ja. Wende halt. Nicht so spektakulär. Wobei.

Denken wir an die Wende zurück, die die Teilung Deutschlands beendete und auch als „friedliche Revolution“ bezeichnet wurde, dann wird schon deutlich: Da fing etwas klein an, das sich als historische Zäsur herausstellte. Nicht nur eine Mauer fiel, Identitäten wurden infrage gestellt, mussten sich neu bilden. Bis heute geht die Verarbeitung einer geteilten und die Gestaltung einer vereinten Nation, zudem in einem Europa, weiter.

Diese Wende, die von so Vielen herbeigesehnt und bejubelt wurde, hat ihre Festlichkeit, ihren Glanz verloren. Stattdessen hadert ein ganzes Land, eine Gesellschaft, die in immer mehr kleinteilige Gruppierungen zu zerfallen scheint, mit dem, was wir heute wahrnehmen. Keine Einigung, sondern sich auftuende Gräben.

Diese Entwicklung, bei der die glücklichen, die gelungenen Aspekte immer weiter in den Hintergrund rücken, während die Klagen über die Mängel kontinuierlich lauter werden, hat aus dem Versprechen „Wende“ eine Art Menetekel gemacht. Wende bedeutet keine anhaltende Party, sondern langwierige und anstrengende Arbeit. Nicht der Wendepunkt ist entscheidend, es ist die Wende-Epoche und wie man sie strategisch und konzeptionell so gestaltet, dass alle Anteil an ihrer Ausprägung haben.

Auf der Grundlage der vorher beschriebenen Assoziationen hat man sich allerdings scheinbar stillschweigend darauf verständigt, dass Wende, dass Wandel oder Transformation, also jede Form von Veränderung keine guten Aussichten bieten. Wird etwas umgestaltet, kommt dabei nicht unbedingt etwas heraus, das die Dinge einfacher macht. Zumindest nicht sofort, nicht frei Haus und nicht umsonst.

Und so hat es alles schwer, das genau auf eine so verstandene Wende ausgerichtet ist. Ob es Wissenschaft ist, die zu erforschen sucht, wie wir Gesundheit oder Ernährung für eine Weltbevölkerung sicherstellen; Menschen, die daran experimentieren, wie wir Mobilität neu gestalten können; Organisationen, die neue Formen des Zusammenlebens ausprobieren: Überall ist die Bereitschaft gefordert, sich neu aufzustellen, andere Methoden zu entwickeln und sich zu bewegen. 

Offenbar tun sich Menschen schwer mit dieser Übung. Viele haben sich eingenistet in einer Bequemlichkeit, die auf Lieferung von gewünschten Leistungen gepolt ist, die die eigene Zuständigkeit dabei nicht sehen oder nicht sehen will. Wir haben das Leben und die Entscheidungen, wie dieses Leben aussehen kann, weitgehen ausgelagert und nehmen andere in die Pflicht, dafür zu sorgen, dass alles nach Gusto funktioniert.

So langsam dürfte klar sein: So läuft es nicht. Immer weiter so wie gehabt bringt uns nirgendwo hin. Wenn wir das zur Kenntnis nehmen, dann allerdings bedeutet das im Umkehrschluss: Bitte wenden.

Und das wiederum ist kein Rückschritt, kein Weg in die Vergangenheit, sondern ein Aufbruch in eine Zukunft, in die man mit frischem Blick neu starten kann. Und so kann die Wende völlig neue Perspektiven öffnen.

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