Richtung
Da gibt es die Entscheidung, die in die sprichwörtliche „richtige Richung“ geht - wo auch immer das Ziel dieser jeweiligen Richtung sein mag. Es gibt politische Richtungen von links bis rechts außen. Es gibt Fahrtrichtungen im Vorwärts- oder Rückwärtsgang. Und man kann die Richtung auch wechseln, wenn sich die Umstände ändern und ein neuer Weg gerade opportun zu sein scheint. Die Richtung eignet sich also zu vielerlei.
In jedem Fall dient sie der Orientierung. Eine Richtung wird angezeigt, nicht nur auf Schildern und entlang von Leitplanken, sondern per Signalen aus dem All, die uns ständig orten und uns so zur Verortung verhelfen.
Das Ganze geht nicht nur auf praktischer, sondern auch auf identitätsbildender oder stabilisierender Weise. Wer von anderen weiß, in welcher Richtung sie unterwegs sind, kann sich entscheiden, ob das der eigenen Richtung entspricht und man entsprechend gleichermaßen unterwegs ist. Das gibt Sicherheit, da kann man sich bei Pannen auch mal gegenseitig unterstützen. Geht ja nicht, wenn man in unterschiedlichen oder gar entgegengesetzten Richtungen auf dem Weg ist.
Allerdings erkennen wir langsam ein Grundproblem. Während lange Zeit ein Kompass die vier Himmelrichtungen anzeigte, in die man sich in der Welt bewegen konnte, haben wir mittlerweile ein neues System implementiert, das scheinbar grenzenlose Richtungen ermöglicht. Und zwischen denen kann man auch noch permanent hin und her mäandern. Das Navi führt einen schon irgendwo hin.
Das Problem: Dabei haben wir die Orientierung verloren. Denn wenn wir keine Idee von der Richtung haben und erst recht nicht von einem Ziel, das wir uns vorgestellt hatten, dann vagabundieren wir in einer Welt herum, in der wir zwar dank Navi immer irgendwo ankommen, aber dort wollten wir womöglich gar nicht hin. Und so müssen wir wieder aufbrechen, denn wir stellen fest: Der Vorstellung, zu der wir gestartet waren, sind wir nicht näher gekommen.
Das liegt daran, dass wir meinen, eine Richtung sei die kürzeste Linie zu einem eindeutigen Ziel. Wir erinnern uns: die „richtige“ Richtung. Ins Englische übersetzt meint der Begriff – Achtung – eine Direktive, eine Vorgabe. Und darin steckt viel besser erkennbar das Problem. Wir engen uns ein, lassen uns gängeln, uns auf eine Spur setzen, die nicht nur nicht zum „richtigen“ Ziel führt, sondern geradewegs in eine Denk- und Handlungsunfähigkeit.
Versuchen wir doch mal, ohne Vorschrift, ohne Direktive und eben ohne eine solche „richtige“ Richtung selbst Orientierung zu finden. Eine Orientierung an Bedürfnissen, an Erfordernissen, die uns die Welt aufzeigt, an dem, was Herz und Verstand uns raten.
Dann kann uns jede Einordnung, jede Kategorisierung zwischen Richtungen sozial, politisch und in jeder Hinsicht nämlich vollkommen egal sein. Wir entscheiden dann einfach danach, was uns unser Menschenverstand und unsere Empathie rät. Und schauen mal, wo wir dann hinkommen.