Sehnsucht
Der zweite Teil dieses, fast schon mit einem Seufzen einhergende Wort sollte uns stutzig machen: Sucht. Haben wir nicht gelernt, dass die ungesund ist, dass wir da nicht wieder rauskommen, wenn man einmal an der sprichwörtlichen Nadel hängt, dass eine Sucht also unbedingt zu vermeiden ist?
Und was hat es auf sich mit dem ersten Teil des Wortes, dem Sehnen? Ist auch das nicht irgendwie etwas für Romane, für Hollywood-Streifen oder für etwas weltfremde Personen, die sich von der Anforderungen der faktischen Welt zurückziehen?
Ganz schön viele Fragen gleich am Anfang zu einem doch so einfach erscheinenden Wort. Sehnsucht. Kann man das auch mit Anworten, mit weiteren Vorstellungen verbinden? Kann man.
Das etwas altmodische Gefühl - und um ein solches scheint es zu gehen - sollte unbedingt wiederbelebt und einen besonderen Platz in unserer Gesellschaft bekommen. Etwas also, das keine Aufforderung, keine Pflicht ist, sondern etwas, das tief in jedem Menschen wurzelt und sich einen wundersamen Weg bahnen kann. Das klingt für manche nun sicherlich bereits zu schwulstig, zu dick, zu gefühlig eben. Doch wenn man sich mal darauf einlässt, ganz kurz nur, dann steckt vielleicht doch was drin in dieser sehnsüchtigen Idee.
Hier nämlich könnten wir „Sucht“ mal positiv aufladen: Der dringende Drang, sich in einen Zustand zu versetzen, der sich gut anfühlt. Das Sehnen unterstützt die Kräfte, die das Erreichen dieses Gefühls möglich machen. Und so wird daraus eben die Sehnsucht, die aus einem selbst heraus nach etwas strebt, das gut tut, was zum Wohlgefühl führt.
Das hat also was mit Vorstellungsvermögen zu tun. Hatten wir hier auch schon mal. Eine Projektion also nach vorne, in eine Situation hinein, in der man sich gerade nicht befindet, die aber erstrebenswert zu sein scheint.
Wenn wir uns die derzeitige Welt anschauen, so könnte das doch ein Stück zur Rettung nicht nur unserer selbst, sondern gleich dieser Welt sein. Wenigstens unserer kleinen Welt, die mehr ist als wir selbst, die unser soziales Umfeld betrifft und damit die persönliche Welt, in der wir leben.
Sehnen wir uns eine solche Welt herbei und machen das Viele, so können wir aus den vielen jeweils kleinen Welten eine ganze schaffen, in der das wieder die Oberhand gewinnt, was Menschen brauchen: Gefühle wie Liebe oder Freude, Eigenschaften wie Kreativität und Empathie, Motivation für Hilfsereitschaft und Erneuerung. Das ist das Gegenteil von Rückzug und Langeweile.
Das erfordert sicherlich ein bisschen Training und den Willen wie die Fähigkeit, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben. Dort allerdings könnten wir uns besser fühlen.
Wir sind fähig zu Sehnsucht. Diese Eigenschaft sollten wir nicht denjenigen überlassen, die die zerstörerische Seite fördern und Sucht krankhaft machen. Wir können das Sehnen miteinander teilen und uns dann daranmachen, diese ersehnte Welt zu gestalten. Klingt paradiesisch. Warum nicht?