Zugehörigkeit
Menschen werden verbreitet als soziale Wesen bezeichnet. Als solche suchen sie dann nach Zugehörigkeit, nach der Aufnahme in einen bestimmten Kreis, eine Gruppe, eine Organisation. Egal, ob es um Mitglieder einer Hobby-Mannschaft im Sport geht, um die Zuordnung zu einem beruflichen Team oder die Aufnahme in eine Partei, man ist oder wird Teil eines Größeren.
Das hat Vorteile. Derartige Formen von Zugehörigkeit vermitteln Sicherheit. Sie macht die Verteilung von Verantwortung möglich. Man kann von anderen im direkten Kontext lernen, sich weiterentwickeln, Neues ausprobieren.
Solche Zughörigkeiten sind jedoch keine Selbstverständlichkeit. Sie ergeben sich meist aus den Lebensphasen, in denen Menschen ihren Weg gehen. Kinder gehören in der Kita zur Gruppe „Kunterbunt“, in der Schule sortiert sich schon mehr nach Sympathie, Coolness-Faktor, besonderen Fähigkeiten. Je mehr es in die Erwachsenenzeit geht, desto mehr spielen solche Vorteilspunkte eine Rolle: Wer kann wem vor welchem Hintergrund nützlich sein, von wem hat man was zu erwarten, was hilft dem eigenen Fortkommen.
Fast immer geht es bei der Frage, ob jemand dazugehören darf, darum, ein Mehr zu erreichen und sich gegenüber anderen Gruppierungen abzugrenzen. Und das wiederum hat immer auch mit dem Zeitgeist und dem Umfeld zu tun.
Ist eine Literatur-Expertise beispielsweise gerade besonders gefragt, gründen sich Lesezirkel und debattiert Texte. Steht dagegen technisches Know How um digitale Entwicklungen ganz oben auf der Interessensskala, finden sich Menschen auf Konferenzen und Messen, um mitzureden.
Und im Umkehrsschluss ist ganz oft erkennbar: Wer nicht dabei ist, ist raus. Das wiederum gilt dann nicht nur hinsichtlich der spezifischen Fachwelt. Das überträgt sich ins Private und Persönliche.
Wenn Menschen weder eine gerade angesagte Expertise vorzuweisen haben, wenn sie nicht willens oder in der Lage sind, sich intrinsisch motiviert ständig neuen Themen zuzuwenden, wenn sie weiterhin nicht über Jahr ein Netzwerk aufgebaut haben, das über solche Fachbereiche und Zirkel hinausgeht, dann verliert das Ganze seine Gültigkeit. Und damit der oder die einzelne Zugehörigkeit.
Zuhörigkeit nämlich ist oft mit einer Performance verbunden, einer Leistungsfähigkeit, die ein Innehalten, gar Schwäche nicht zulässt. Wer nichts beizutragen hat zu einer Performance-Welt, fühlt sich schnell nicht mehr zugehörig.
Denn vielfach ist Zughörigkeit assoziiert mit Leistung. Wer nichts beiträgt, keine Leistung erbringt, der hat sein Anrecht auf Zugehörigkeit verwirkt.
Was bleibt ist die Position auf dem Abstellgleis. Da sortieren sich hintereinander all diejenigen, die in Gruppen keinen Platz mehr haben.
Wenn nur in Kategorien gedacht wird - von Familie über Schule bis zum Sport, von Beruf über Hobby bis zur Nachbarschaft - dann verlieren wir immer mehr von dem, was Menschen brauchen: Zuhörigkeit zu Menschen, die offen sind für neue Eindrücke, die nicht nach Nützlichkeit und Performance bewerten, sondern auch mal die Freiheit wagen, eine Gruppe vielfältig und überraschend zu machen.
Das braucht Experimentierfreude auf allen Seiten. Und kann eine neue Art der Zughörigkeit ermöglichen.