Würde

Die Aufklärung gipfelte in der Auffassung, der Mensch habe Vernunft.

Das deutsche Grundgesetz stellt einen zentralen Artikel vor alle anderen Gesetze: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Während es eine Menge Gründe dafür gibt, an der Sache mit der Vernunft zu zweifeln, stellt sich gleichzeitig bei manchen eine ähnliche Unsicherheit auch bei der Maxime der Menschenwürde ein.

Ist Würde ein derart unverrückbarer, ein unveräußerbarer Bestandteil des Menschen, dass diese Unsicherheit durch einen Verfassungstext ausgeräumt werden könnte?

Wenn wir uns bewusst darüber sind, dass der Mensch zwar nicht die Krone einer wie auch immer gearteten Schöpfung ist, dass aber der Mensch ein Wesen mit Bewusstsein ist, dann ist die Würde nicht weit.

Das ist jetzt eine sehr verkürzte Logik, und manch eine Philosophin, manch ein Neurologe würde hier einschreiten wollen. Doch bleiben wir einmal bei der Verbindung von Bewusstsein und Würde.

Beides ist gleichermaßen schwierig zu definieren. Und wie so oft, wenn man nicht in einem eindeutig gültigen Satz formulieren kann, was ein bestimmter Sachverhalt ganz konkret ist, kann man sich aber doch über die umgekehrte Frage einem solchen Phänomen nähern.

Um bei der Würde zu bleiben. Wenn wir nicht wissen, was das ganz spezifisch und immer sowie für jede und jeden meint, dann hilft vielleicht die Frage, was den Menschen ausmachte, hätte er keine Würde?

Was bliebe also von einem Menschen ohne diese Zuschreibung? Nur eine Figur, belebte Materie, ein Subjekt ohne Bedeutung?

In Zeiten sich rasant entwickelnder und verbreitender sogenannter künstlicher Intelligenz, die vieles abzulösen scheint, was man dem Menschen zugeschrieben hat, sind das berechtigte Fragen. Eine Antwort darauf wird es auch hier mal wieder nicht geben. Und tatsächlich ist es auch nicht ausgemacht, ob wir damit am Ende unseres Selbstverständnisses angelangt sind: Sind wir tatsächlich so besonders? Ist Würde etwas ureigen Menschliches? Oder haben wir uns die nur ausgedacht, um uns über alle anderen und alles andere zu erheben? Und überholen wir uns dabei gerade selbst, ohne erkennen zu können, wohin das führt?

Wie gesagt: An der menschlichen Vernunft kann man gerade sehr zweifeln. Und KI wird uns auch nicht retten. Allerdings droht die Gefahr, dass sie uns zu einem unwürdigen Finale führt, wenn wir uns nicht auf Würde zurückbesinnen.

Man könnte sich ihr vielleicht auch über diesen Weg nähern: Es gibt Menschen, denen wir in ihrem gesamten Habitus Würde zuschreiben. Sie verhalten sich auf eine Weise, die wir mit Haltung, mit Menschlichkeit, mit Zugewandtheit, mit vielen anderen Attributen assoziieren, die uns würdevoll erscheinen.

Andere wiederum agieren auf eine Art, die wir als würdelos mißbilligen. Weil sie Menschen diskreditieren, aggressiv und lebensfeindlich handeln und Schaden anrichten.

Gleichzeitig kommt hier wieder der Punkt weiter oben zum Tragen: Selbst würdelos agierenden Menschen kann man die Würde laut unserer humanistischen Vorstellung und Vereinbarung nicht absprechen. Auch sie bleiben als Mensch verletzlich, sind angewiesen auf Resonanz und am Ende sterblich. Es ist gerade die Schwäche des Menschen, die ihre Würde im Kern ausmacht.

Diese Imperfektion, dieses Fragile, diese Vagheit und diese Wandlungsfähigkeit in alle Richtungen kann es am ehesten sein, was wir mit Würde in Verbindung bringen. Würde ist dann unsere Grundfeste, auf der es uns möglich ist, die Welt zu gestalten. Auf der anderen Seite ist uns damit auch die Macht gegeben, diese Welt zu zerstören.

Vielleicht ist Würde also nicht einfach etwas Gutes, erst recht nichts Heiliges. Sie ist eben in jeder Hinsicht menschlich.

Wenn wir uns in dieser Weise auf Würde besinnen, so ist ein würdiges Verhalten mit Blick auf das Leben aller vielleicht gerade jetzt eines der besten Vorhaben, auf das wir uns konzentrieren sollten. Damit wir das Beste aus uns Menschen rausholen.

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