Staunen
Zuweilen kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Wobei …
Das ist möglicherweise ein bisschen gedankenlos dahingeschrieben. Denn das, was uns irritiert, ist meistens nichts, das uns wirklich staunen lässt.
Wir erleben derzeit viele ungute Überraschungen, Verunsicherungen, Verärgerungen, Frust. Doch die daraus resultierenden Empfindungen führen nicht zum eigentlichen Staunen, sondern treiben eher zur Verzweiflung. Das ist ein himmelweiter Unterschied.
Was also bringt uns zum Staunen in all seiner Umfänglichkeit? Leider gerade zu wenig. In einer Kakophonie aus ständigen Bildern, Filmen, Geräuschen, Bewegungen, Geblinke, Farbengetöse, Memes und Emojis hecheln wir uns durch eine medial definierte Welt, die zwar viel Ablenkung liefert, aber wenig, das uns wirklich innehalten lässt. Nichts von alldem lädt zum Verweilen, zu einem Moment der Reflexion, gar zu Fragen ein. Erst recht lässt uns kaum etwas davon staunen.
Denn Staunen ist ein Phänomen, das Zeit braucht. Bei dem wir uns einlassen müssen auf ein Ereignis, auf Menschen, auf Eindrücke aus der Natur, aus der Kunst, auf das, was wir spüren.
Wer erinnert sich an solche Momente:
In einem Buch bleibt man hängen an zwei Zeilen und fragt sich: Wie kann jemand etwas so schön ausdrücken?
Vor einer Leinwand hält man kurz den Atem an - was für eine dramatische Farbgestaltung: Wie kann es sein, dass Kunst derart atmet?
Im Frühling stoppt man vor einem Baum mit knospenden Magnolien: Wie kann Natur eine solche Schönheit schaffen?
Im Gespräch berührt eine ganz individuelle Mimik: Wie kann ein Ausdruck so viel sagen?
Jedem fällt ein solcher staunenswerter Augenblick ein, wenn man mal kurz in sich geht. Da muss man vielleicht ein wenig suchen, denn ein solcher Moment schreit nicht „Hier!“, blinkt nicht aufgeregt oder ist anderweitig akut.
Es lohnt sich aber, sich auf solche Momente zu besinnen, sie ganz bewusst wahrzunehmen, sie festzuhalten und zu versuchen, sie zu speichern. Denn das hilft gegen den Frust, der sich sonst wie Mehltau und Rostfraß überall auf der Seele breit macht.
Stattdessen das Staunen kultivieren, den Blick schweifen lassen, den Augenblick genießen, das Besondere miteinander teilen und all dem einen großen Raum geben, in den man immer wieder hinein- und heraustreten, aus dem man immer wieder schöpfen kann.
Das kann uns viel weiter bringen, als jeder kurz rausgehauene Ärger, mit dem man immer nur ganz unten landet. Das Staunen dagegen, das erhebt.