Simulation
Manchmal beschleicht einen zunehmend das Gefühl, man befinde sich in einer Simulation. Das kann beruhigend sein - so schlimm ist die Welt in Wirklichkeit gar nicht, man steckt in einem blöden Film - oder aber höchst erschreckend: Offenbar sind wir in der schlimmsten aller vorstellbaren Realitäten gelandet.
Immer weniger werden zwischen ernstzunehmenden Personen Gespräche und Verhandlungen geführt, die sich an Menschen und Zukunftszielen orientieren und auf Vereinbarungen hinauslaufen. Zuhören und Austausch, Erforschung und auf Erkenntnisgewinn angelgte Beobachtungen, Diskurs und gemeinsame Entscheidungen sind Merkmale einer Zeit, die offenbar der Vergangenheit angehört. Idealismus muss dieser Vorstellung nach als gescheitert angesehen werden.
Damit verdient man kein Geld, gewinnt keine Kriege, erobert kein Land und keine Planeten.
Was das bedeutet, kann man bei hochmodernen virtuellen Spielen erleben. Da werden Szenen, Welten und Stories entwickelt, in die man nicht zur Erbauung eintaucht, sondern die zunehmend derart „echt“ wirken, dass man diese Welten annimmt als die eigentliche Szenerie des Lebens.
Nach diesem Prinzip agiert nun zunehmend auch das politische Personal. Es wird alles daran gesetzt, etwas vorzugeben - also zu simulieren - was faktisch nicht da ist und/oder nicht erreicht werden kann. Diese Zielsetzung erscheint dabei allerdings so reizvoll, dass man hinter solch einer simulierten Vision sehr viele versammeln kann.
Diese Art der Spiele, der politischen und Gesellschaftsspiele, agieren immer weniger nach Regeln. Die Spielweise, der Handlungsmodus, die Techniken, die Abläufe ergeben sich ziemlich klar aus dem gesamten Setting, dem man dann einfach folgen muss. Ist man geschickt, schnell, ausgebufft und ähnlich talentiert genug, kann man es weit bringen. Dabei geht es selten um langwierige Abstimmungsprozesse, um Aushandeln, um den Diskurs. Eher hält man auf das sich bietende Spektakel so lange drauf - mit mal mehr, mal weniger Aufwand in der Gesamtanlage des Spiels - bis man im besten Fall viele Punkte, Geld, Prämien oder Stimmen gewonnen hat.
Das Ganze kann man auch mit einer entsprechenden Brille vor den Augen oder noch ganz anderen Gadgets machen, die weitere Sinnesorgane einbeziehen. Fertig ist der Ausstieg aus der realen Welt und das Eintauchen in eine Welt voller Ablenkungen.
Genauso handeln gerade Machtpolitiker, die nach alter Herrschermanier alles ignorieren, was Menschen in einer realen Welt voller Herausforderungen für eine gelingende Zukunftsentwicklung brauchen. An dieser Textstelle muss nicht gegendert werden - es sind Männer, die diese Simulationen nach ihren grenzüberschreitenden Gelüsten in macht- bis gewaltvoller Durchsetzung spielen.
Doch während die Simulationen in Spielkontexten auf einzelne Spielversionen begrenzt sind, es keine interaktive Formen des Zusammenspiels gibt und zudem jede und jeder zu allen Zeiten aussteigen kann, so ist das, was an SImulationen in der realen Welt angezettelt wird, ein Szenario, das weder Exit kennt noch berücksichtigt, dass gleichzeitig Dutzende solcher Simulationen gleichzeitig losgetreten werden. Die haben auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun. Doch sehr schnell wird klar: Hier sind wir eben nicht in der abgeschotteten Gaming-Simulation, sondern in einer komplexen Wirklichkeit, in der Dinge zutage treten, die eigentlich nicht vorgesehen waren.
Aber dramatische Konsequenzen haben.
Solch ein „Spiel“ kann man nicht gewinnen. Das ist den Meisten durchaus klar. Aber da das an den Schalthebeln der Macht sitzende politische Personal eben eine No-Reality-Brille aufhat und kurzsichtig die Zukunft übersieht, fahren auch diese stillen Meisten mit an die Wand, auf die solche Simulation zurasen.
Man muss wohl an die klugen und menschlichen Erfinderinnen appellieren, eine neue Simulation zu entwickeln, die die Menschen auf eine visionäre Weise fasziniert, sich für eine Welt einzusetzen, die alle Facetten des Lebens einbezieht. Hier gewinnen alle. Teilhabe, Glück und Lebensfreude.
Da sind wir wieder beim Idealismus. Vielleicht kann der ja doch mal real werden.