Suche

In einer Welt, in der das Finden das Maß der Dinge ist, hat die Suche einen schlechten Stand. Das beginnt schon bei den Pfadfindern. Die werden angehalten, den Weg aus dem Dickicht zu finden, nicht darin herumzuforschen. Das geht weiter in der Schule. Nicht die Suche und das Experiment werden belohnt, sondern die korrekte Antwort auf eine meist ziemlich eindimensionale Frage. Und im Job ist es nicht anders: Lösungen finden, neue Geschäftsfelder, Innovationen. Alles, was Ergebnis und Wachstum bedeutet und alles, was man als Fundstück vorweisen kann, wird belohnt.

Suche dagegen ist nur in direkter Verbindung mit dem Fund akzeptabel. Wer hätte schon gehört von den vielen Ausgrabungen, von den vielen Forschungsbemühungen, von den diversen Experimenten, die kein vorzeigbares Ergebnis gebracht haben?

Nur „wer suchet und findet“ bekommt Anerkennung.

Dies markiert eine Entwicklung, die einhergeht mit der Vorstellung potenter Machbarkeit. Denken, Ausprobieren, Beobachten, Fragen stellen, Zweifel äußern, Unsicherheiten – all das kommt in dieser Rechnung nicht vor. Die nämlich bezieht nur Zahlen, Daten, Fakten ein, und am Ende erhält man eine Summe. Am besten eine große mit einem schwarzen Plus davor, die dann jemand stolz präsentiert.

Dieses Phänomen ist übrigens nicht nur in Wirtschaft und Politik zu erkennen. Es geht hinein bis in das individuelle und gesellschaftliche Leben.

Wer keinen Job hat, leistet alles, um einen zu finden. Wer eine Technik nicht beherrscht, lernt so lange, bis es läuft. Wer erkrankt, holt sich solange medizinische Expertise, bis Gesundheit erreicht ist. 

Es muss immer alles da sein - das Wissen, die Expertise, der Zugang. Für Suche ist keine Zeit. Und so entsteht nichts Neues im Miteinander oder in der Ideenfindung. Es herrscht auch schnell Resignation dort, wo in dieser Logik nichts mehr zu finden ist, wo das Ende aller Erkenntnisse erreicht zu sein scheint.

Die Medizin scheitert. Die Technik ist störanfällig. Der Job ist prekär. Suche zu Ende. Kein Ergebnis vorzeigbar.

Wenn das Suchen, das unsichere Fragen, die erkannte Ahnungslosigkeit nicht zulässig sind, wenn dieses Vorgehen keinen Wert hat, dann geht uns viel verloren, das uns zu ganz neuen Erkenntnissen verhelfen könnte. Und das vor allem zutiefst menschlich ist. Denn nur, wo das Suchen, das neugierige Herumstochern im Nebel etwas ist, das Anerkennung bewirkt, wenn das mit Staunen, mit Freude und Antriebsfreude angenommen wird, nur da traut man sich auch was. Vielleicht auch mal die Aussicht, kein Ergebnis zu erreichen, aber schöne Momente.

Anstatt also stets zu fragen: „Und wie lautet die Antwort?“, können wir beim nächsten Mal vielleicht die Frage stellen: Wonach suchst du? Und es einfach darauf beruhen lassen, kein erwartbares Resultat zu finden. Weil die Suche schon spannend genug ist und zu ganz neuen Einsichten verhilft, die im linearen Finden gar nicht aufgetaucht wären. Eine echte Entdeckung.

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