Exzentrik
Wenn es etwas gibt, was in diesem Land überhaupt nicht gut ankommt, dann ist es das: Exzentrik. Der Grund steckt schon wieder im Wort selbst. Außerhalb eines sicheren Zentrums, weg von der vermeintlich stabilen, unauffälligen Mittel, da gehört man nicht hin. Lieber Mittelmaß.
Zu was das führt? Weder zu Innovationen, noch zu Inspirationen. Weder zu Mut, noch zu Humor. Das, was Beständigkeit sichert, Angepasstheit, alles, was als „normal“ gilt - der Standard ist das Maß der Dinge. Eine Welt ohne Auffälligkeiten gilt als erstrebenswert.
Kinder werden entsprechend erzogen - also entwickeln sie keine Eigenarten.
Jungen Menschen empfiehlt man bereits beschrittene Wege - also denken sie nicht über andere Möglichkeiten nach.
Erwachsene erfüllen Erwartungen und etablieren sich in Rollen, aus denen jeder Versuch eines Ausbruchs sanktioniert wird.
Am Ende verbringen alte Menschen ihre Zeit auf dem Abstellgleis - in das bunte Leben, da gehören sie nicht hin.
„Cosi fan tutte“ - so machen es halt alle. So soll es sein. Da kennt man sich aus. Bloß nicht ausbrechen.
Was für ein trübes Sein. Kein Wunder, dass sich schlechte Laune schon bei den kleinsten Störungen breit macht.
Exzentrik könnte vielleicht ein gutes Rezept gegen diese Miesepetrigkeit sein. Mal ausbrechen aus dem Einerlei, aus den Vorgaben, aus den Konstellationen, in denen wir uns eingenistet oder verheddert haben.
Nun ist es für viele möglicherweise ein Problem, sich ein exzentrisches Leben vorzustellen. Man hat gleich schrille Personen vor Augen, mit denen man - außerhalb von Karneval oder anderen Kostümierungsparties - wenig gemein hat.
Doch ist diese Art von saisonalem, etwas verschämtem Ausbruch hier nicht gemeint. Exzentrik kann im Kleinen, im Alltäglichen stattfinden, in einem anderen Umgang mit dem, was man immer schon auf eine bestimmte Weise gemacht hat.
Mal eine neue Sportart ausprobieren. Mal eine Ausstellung besuchen, mit der man unbekanntes Terrain betritt. Mal alle Rechner abschalten und Gedanken mit Bleistift aufschreiben. Mal Ostereier zu Weihnachten verschenken.
Es wird jeder und jedem sicherlich etwas anderes einfallen, was so richtig verrückt daherkommt; einfach anders als sonst. Und genau darum geht es: Sich mal etwas einfallen zu lassen, eine Idee in die Tat umzusetzen, die herausführt aus dem Einerlei. Man überrascht sich selbst und andere. Und erlebt dabei ganz neue Reaktionen, die großes Inspirationspotential haben.
Die Gefahr: Schon die kleinste Veränderung kann zu Irritationen führen. Bei allen Beteiligten.
Die große Chance: Diese Irritation löst Emotionen aus, die uns gut tun. Freude, Glück, Verwunderung, Lachen, Dankbarkeit…
All das klingt nun vielleicht nicht besonders exzentrisch. Führt aber eben doch mal raus aus der normalen Mitte, aus dem Üblichen; macht einen Moment auf für Gelegenheiten, aus und in denen etwas Neues entsteht.
Das ist den exzentrischen Versuch doch wert.