Hofnarr

Dies ist ein Plädoyer. Für die Rückkehr ins späte Mittelalter. Allen Ernstes.

Nun mag manch einer zynisch entgegnen, dass wir da doch längst wieder angekommen sind: rechtlose Gesellen allerorten am Werk, die Herrschaft auf wenige verteilt, der Pöbel auf sich allein gestellt.

Doch halt. Zynismus ist nicht das Mittel der Wahl, um Entwicklungen zu erreichen, die Aufbruch und Neuzeit bedeuten.

Warum also der Blick zurück ins Mittelalter? Es gab an manchen Fürsten- und Königshäusern eine Figur, die uns auch heute wieder gute Dienste leisten könnte: den Hofnarren. Der war nicht einfach ein Faktotum, eine Laune, die man sich genehmigte, der Spaßmacher für die Schenkelklopfer. Hofnarren waren alles andere als tumbe Lachnummern. Sie hatten meist viel Wissen, waren geistreich und beobachteten die Welt aus einer Perspektive, die der Herrscher eben nicht hatte oder einnehmen konnte.

Hofnarren bekamen mit, was außerhalb der Burgmauern stattfand, hatten ein Gespür für Stimmungen und konnten - auch qua ihrer Aufmachung - Dinge mitbekommen, die eigentlich nicht für die Ohren der Herrschenden gedacht waren. Ihre Kostümierung als Schelme, als scheinbar lächerliche Gesellen, als Figuren, die außerhalb von Hofstaat und ernst zu nehmenden Angelegenheiten standen, gab ihnen die Freiheit, sich - trotz ihrer optischen Auffälligkeit - im Hintergrund umzuhören. Sie waren ja offenbar harmlos, wirkten dümmlich, da konnte man in den gewichtigen Kreisen doch ruhig frei reden.

Doch der Hofnarr machte aus all dem, was er erfahren konnte, eigene Geschichten, die der Wirklichkeit oft näher kamen als das, was ein Fürst tatsächlich erlebte. Und so bekam dieser vom Hofnarren immer wieder etwas zu hören, was sich vermeintlich lustig, spaßig, verrückt anhörte, das hinter dieser Fassade allerdings eine Menge mitteilte, was dann doch zur Reflektion geeignet war. Manch ein Herrscher bekam über diesen Weg mit, dass etwas faul war im Reich.

Und damit zum anfänglichen Plädoyer zurück. Wir scheinen verbreitet von Leuten regiert zu werden, die die Sache mit der Verantwortung nicht begriffen zu haben scheinen. Doch sie sind mächtig und in Kreisen unterwegs, die sich gegenseitig in ihrer Macht bestärken und ständig weiter unterstützen. Das Korrektiv von außen fehlt.

In einer Demokratie sollte dies in der Möglichkeit liegen, Regierungen abwählen zu können; Gerichte können Fehlentscheidungen einen Riegel vorschieben; und die investigative Arbeit der Medien unter dem Schutz von Presse- und Meinungsfreiheit sollte ein mindestens ebenso wirksames Instrument sein, um eine freiheitliche Demokratie zu sichern. Doch diese Instrumente haben in dem weltweiten Gesamtkonstrukt aus politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen an Einfluss verloren.

Und so bekommt die verrückte Idee eines Hofnarren in jeder Regierung doch etwas Berückendes. Man stelle sich vor, in jede Kabinettssitzung springt plötzlich ein Hofnarr herein. Macht seine Späße, spricht jede und jeden dort mit spitzer Zunge an und hinterlässt erst einmal ausgelassenes Chaos.

Würde das die weitere Diskussion um Tankrabatt, Rentensicherung, Teilzeitarbeit, Bahnnetz, Wehrpflicht, Energiekosten usw.usf. nicht gleich mal in eine andere Richtung lenken? Wäre der Hofnarr vielleicht in der Lage, die Zusammenhänge deutlich zu machen und alle Kabinettsmitglieder auf eine gemeinsame Vision einzuschwören?

Das wäre eine wirklich heitere Vorstellung. Wenn ein Relikt aus dem Mittelalter in der Demokratie des 21. Jahrhunderts eine bahnbrechende Karriere mit Zukunftsaussichten machen würde. 

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