Gewissen
Manch einer stellt sie sich: Die Gewissensfrage. Andere empören sich, wenn man ihnen „ein schlechtes Gewissen“ macht. Wobei man hier bereits anmerken könnte: Entweder man hat ein Gewissen, das sich in kritischer Auseinandersetzung bemerkbar macht, oder man hat keins, dann kann es weder gut noch schlecht sein. Nun.
In Zeiten, in denen Gewissenlosigkeit scheinbar Konjunktur hat, ist über diesen Punkt hinaus vielleicht mal der Moment gekommen, sich mit einer solch sperrigen Angelegenheit zu befassen.
Wenn man dem Ansatz folgt, der Mensch sei ein Wesen, das mit Intelligenz - zur Klarstellung: mit persönlicher Intelligenz - ausgestattet ist, zudem die Befähigung hat, kulturell, sozial und vernunftbegabt zu denken und zu handeln, dann könnte man den Umkehrschluss wagen, der Mensch verfügt in seiner Grundausstattung über ein Gewissen. Das ist weder gut noch schlecht, dieses Gewissen, das ist als Anlage erst mal da.
Wie stark es sich ausprägt und formt, welche Rolle es spielt in unserem Leben, das wird in starkem Maße bestimmt von den Entwicklungen, die das persönliche Leben nimmt und vom Umfeld, das Menschen und Gesellschaften umgibt. Eigene Erfahrungen, Erlebnisse, Bildung, Persönlichkeit einerseits oder das Verhalten, die Erwartungen, die Vorstellungen von außen andererseits - vieles wirkt sich auf das aus, was wir im Ganzen dann als Ausdruck von Gewissen wahrnehmen.
So regt sich bei manch einem das Gewissen, wenn die Party ausufert und die Nachbarn stört. Bei anderen entwickelt sich Flugscham, wenn es auf Urlaubsreise geht, während wiederum andere mit Zugstolz jede Verspätung weglächeln. Die liegengelassenen Verpackungen nach dem Picknick verärgern die einen, die anderen bemerken den Müllberg noch nicht mal, wenn darauf hingewiesen wird.
Das Gewissen ist also unterschiedlich verteilt und bezieht sich auf unterschiedliche Angelegenheiten. Und dann wiederum können die einen die berühmten Fünfe gerade sein lassen und nehmen es nicht ganz so genau - die anderen machen es doch auch so und der eigenen Anteil ist zu vernachlässigen -, während andere schlaflose Nächte haben, weil sie weiter mit fossilen Brennstoffen heizen.
Das Gewissen ist mittlerweile nämlich immer weniger eine persönliche und kleinräumig soziale Sache, es hat eine politische Dimension. Welche Bildung eröffnet man seinem Kind? Wie und wo lebt man? Welche Art von Mobilität kann man sich leisten bzw. der Umwelt zumuten? Wo und für wen arbeitet man? Wie viel und wie lange? Was kauft man ein, wie viel und wo? Was tut man für die eigene Gesundheit oder eben nicht? Wer schippt den Schnee vor dem Haus weg? Wer streitet sich bis zur letzten Instanz, weil man sich im Recht sieht? Wer verhält sich demokratisch, wer fällt durch Desinteresse auf?
Die Reihe an Fragen ließe sich noch um ein Vielfaches verlängern. Das ganze Leben ist schon lange kein Spiel mehr, sondern bitterer Ernst. Und es wird immer schwieriger, der Maxime zu folgen, dieses Leben nach bestem Wissen und Gewissen zu führen. Denn zum einen können wir zwar mittlerweile zu nahezu allen Themen auf einen unendlichen Wissenskanon zurückgreifen, zum anderen aber konterkarieren sich die Erkenntnisse und Auslegungen zuweilen derart, dass keine Eindeutigkeit, sondern Verwirrung erreicht wird.
In der Folge wird die Erwartung an gewissenhafte Lebensführung oft genug als Vorwurf gewertet, den man nicht äußern darf, weil das als übergriffig empfunden wird. „Die Freiheit nehm‘ ich mir“ war mal ein Werbespruch - heute wird es als die Grundlage des persönlichen Seins aufgefaßt, aus dem sich andere raushalten sollen.
Das Gewissen zu adressieren ist somit eine Vorgehensweise, die sanktioniert wird. Symbol dafür ist die Currywurst geworden, die einem ja wohl aus der politischen Landschaft niemand verbieten darf. Punkt.
Ist man wiederum gewillt, das eigene Gewissen doch heranzuziehen, um kluge Entscheidungen zu treffen, macht das die Sache auch nicht unbedingt leichter. Denn das Konstrukt, das System, in das man eingebunden ist, setzt enge Grenzen für das persönlich korrekte also gewissenhafte Handeln. Schnell nämlich ist klar: Das hat Auswirkungen, die vielfach nachteilig sind.
Es ist also immer herausfordernder, mit einer reflektierten Haltung in einer sich immer schneller drehenden Welt zwischen Wissen, Gewissen und persönlicher Verantwortung auf der einen Seite und persönlichen Wünschen und Vorstellungen andererseits einen Weg zu finden, der sozial, ganzheitlich und zukunftsorientiert verträglich wäre.
Vielleicht würde es helfen, dem Gewissen wieder mehr Priorität zu geben und sich an dem Gefühl zu erfreuen, das aufkommt, wenn sich das gute Gewissen regt.
Dann lässt es sich auch gut schlafen. So zumindest lautet sie, die Geschichte mit dem sanften Ruhekissen.