Gespräch
Gibt es bei all dem Getöse, Geschrei, Gezänk, das gar nicht immer laut, aber sehr durchdringend daher kommt, eigentlich noch das Gespräch? Also nicht das, was uns so vorgeführt wird in sogenannten Talk-Shows oder auf Podien diverser Veranstalter oder in den als Diskussion getarnten Themen-Runden. Echtes Gespräch, zwischen den so gern zitierten „normalen“ Menschen, zwischen Nachbarinnen, Freunden, innerhalb von Familien, im kollegialen Umfeld.
Wenn man das mal mit etwas Distanz analysiert, kommen da Zweifel hoch. Zwischen den oben genannten „normalen“ Menschen finden immer seltener Gespräche statt, vielmehr wird gepostet, geliked, ge-short-messaged was das Zeug hält. Worte sind da oft fehl am Platz, Emojis, Memes und Pics ersetzen jeden Text sehr vollmundig. So geht sie, die moderne Kommunikation.
Fangen wir nochmal am Anfang an, beim Gespräch. Was war das noch mal? Hier muss man nicht tief in die Etymologie eintauchen, das ist ziemlich schnell entschlüsselt. Es geht um das Sprechen, den mündlichen Ausdruck eines Menschen. Dieser kann auch mit sich selbst sprechen, doch wäre dann von Gespräch nicht die Rede, dazu braucht es mindestens eine Gesprächspartnerin, einen Gesprächspartner. Die oder der - so die Idealvorstellung - hört zu, was man zu sagen hat, reflektiert die Worte gedanklich und formuliert eine Antwort. Das muss nicht immer so mühsam sein, wie es hier klingt. Geübte Gesprächige finden Vergnügen daran, sich in munterer Weise gegenseitig die Gedanken sozusagen zuzuwerfen und damit herumzujonglieren. Im Sprechen bewegen sie diese Gedanken weiter, entwickeln sie, finden dabei neue, beide bereichern sich also gegenseitig.
Am Ende eines solchen Gesprächs kommt man klüger heraus, als man hineingegangen ist. Und vielleicht ist es diese Art einer Definition, die deutlich macht, dass das, was heute stattdessen zwischenmenschlich abgeht, nicht nur kein Gespräch ist, diese Kakophonie aus Text- und Bildbrocken ersetzt es auch nicht. Denn am Ende kommt man hier nicht bereichert, beflügelt, vielleicht sogar beglückt aus der Sache heraus, sondern viel häufiger überfordert, gelangweilt, angewidert, unglücklich.
Hinzu kommt: In einem Gespräch wissen wir, mit wem wir es zu tun haben, wer unser Gegenüber ist. Wir kennen die Person mehr oder weniger, können sie einschätzen, das was sie sagt im Kontext verstehen. Wir erleben während des Gesprächs ihre Regungen, können uns korrigieren oder einen Aspekt hinzufügen, wenn wir im Hin und Her spüren, dass die Sache eine andere Wendung nimmt. Wir können innehalten, Pausen machen, schneller werden, das Thema wechseln, uns aufregen, wieder beruhigen und uns gegenseitig versichern. Wir können menschlich sein und agieren.
Das, was wir stattdessen tun, findet immer mehr über Filter statt, in Kanälen, die eine eigene Logik haben, mit Technologien, denen wir nicht mehr trauen können, ob auf der anderen Seite der Kommunikation überhaupt noch ein Mensch ist oder nicht ein Bot sein Unwesen treibt.
Ist das die schöne neue Welt, die alles zum Besseren führt? Gewinnen wir über diese Art von Megafon-Getöse etwas? Inhalte? Ideen? Lösungen? Antworten?
Oder bekommen wir es nicht immer mehr zu tun mit Informationsbanalitäten, die uns die Zeit stehlen, uns aber eben nichts geben.
Es wird erkennbar deutlicher, dass ein Mensch, der vertraut, erlebbar, ansprechbar, zugewandt ist, der sich also auf ein Gespräch einlässt, verbreitet fehlt. Und dass immer mehr danach suchen.
Es wird Zeit, dass wir wieder lernen, ins Gespräch zu gehen, uns den Aufwand zumuten, auch die Auseinandersetzung mit irritierenden Gedanken auszuhalten und uns darin üben, eine unserer wertvollsten Fähigkeiten auch zu nutzen. Lasst uns mal drüber sprechen.