Interesse
Äußert jemand, etwas sei interessant, kann man es eigentlich auch schon vergessen. Reine Höflichkeitsaussage, ungefähr auf der Höhe von „nett“ - eben überhaupt nicht interessant.
Es ist schade, dass dieses Wort so sehr seine Intensität verloren hat, seinen Wert, der die so bezeichnete Angelegenheit erhebt, abhebt, hervorhebt. Dabei ist es doch das Interesse, das die Aufmerksamkeit weckt, den Forschungsdrang initiiert, zu etwas Neuem aufbrechen lässt. Weil man das Dahinterliegende erkunden möchte, weil man sich erhofft, zu lernen, weil man herausfinden möchte, was sich damit anfangen lässt.
Denn Interesse ist immer ein Anfang. Jemand, dessen Interesse aktiviert ist, bleibt nicht ruhig, zieht sich nicht gelangweilt zurück. Die- oder Derjenige will mehr davon. Will wissen, was vorgeht, was sich daraus ziehen lässt, beginnt, tiefer zu bohren und immer mehr zu erfahren.
Das ist mehr als Neugierde. Neugierde lässt sich in der Regel recht schnell befriedigen. Was ist in dem Päckchen? Schnell aufgemacht, aha. Was macht wohl der Nachbar da? Anderen Nachbarn gefragt, aha. Wie sieht es wohl im Phantasieland aus? Hingefahren, aha.
Interesse geht tiefer, erfordert meist Anstrengung, um sich der dahinterliegenden Sache zu nähern, braucht vielleicht Spezialkenntnis oder sogar zu erlernendes Wissen, um überhaupt erst einmal zu verstehen, warum dieses bislang Unbekannte einen reizt.
Heilende Medikamente wären nicht im Apothekenregal, wenn es nicht Menschen gegeben hätte, die sich dafür interessiert hätten, dem Schmerz auf den Grund zu gehen. Wir hätten keinen Strom, um Smartphones aufzuladen, hätte es nicht jemanden interessiert, Schlüsse aus einer Erfahrung zu ziehen. Wir würden tagein-tagaus alleine irgendwo rumhocken, wenn wir kein Interesse am Austausch mit anderen hätten.
Unser ganzes Leben, unsere Entwicklungsfähigkeit ist abhängig davon, dass wir uns für mehr interessieren als nur uns selbst. Wenn wir die Augen öffnen, rausgehen, uns und anderen Fragen stellen, erstaunt etwas Ungewöhnliches wahrnehmen, lernen, mit neuen Ereignissen umzugehen, dann haben wir die Chance, weiterzukommen und eben nicht stehen zu bleiben.
Gerade scheint sich eine große Zahl an Menschen nicht darauf zu besinnen, wie erfüllend es ist, Interesse zu zeigen und an den Tag zu legen. Interesse für Menschen, für Inhalte, für Zusammenhänge, für Phänomene, die neu sind.
Auf diese interesselose Weise schließen wir die Türen für frischen Wind, den wir zum Atmen brauchen, immer weiter. Wenn wir hier nicht wieder für Durchzug sorgen, wird‘s ganz schön stickig werden.