Authentizität

Einer der Begriffe der Zeit. Alle müssen, wollen, sollen authentisch sein. Im Auftreten, im Sprechen, in Stil und Habitus und natürlich auf den Selbstdarstellungsportalen der sogenannten sozialen Medien. 

Authentizität ist das Kriterium für glaubwürdige Personen der Politik, für Influencer (die Testimonials der Jetzt-Zeit also), für Wirtschaftsbosse und Professorinnen. Kompetenz, Fachwissen, Erfahrungen oder andere Hinweise auf Professionalität treten hinter diesem Anspruch zurück. Die beste Koryphäe kann einpacken, wenn das Urteil über sie ausgesprochen wird, sie seie nicht authentisch.

Und damit kommen wir doch mal zu der immer wieder gern genommenen Frage: Was bitte ist Authentizität?

Die einfachste Übersetzung lautet wohl Ehrlichkeit, die aber muss sozusagen eins sein oder werden mit dem Ich. Eine Treue zu sich selbst, eine Identität, die im Wesen der Person immer und in jeder Gelegenheit zum Ausdruck gebracht wird.

Im Gegensatz zur Typik, zur Originalität, zur persönlichen Eigenart oder eben zur Identität steckt in Authentizität eine Erwartungshaltung, die von außen an einen herangetragen wird. Es wird mit einer Person eine bestimmte Vorstellung verbunden, die dieser dann entsprechen sollte.

Die oben benannte Influencerin, z.B. im Schwerpunkt Fitness, sollte glaubwürdig vermitteln können, dass sie ihre Tage dem Sport, der gesunden Ernährung, einem durchtrainierten Körper widmet. Und dabei möglichst dynamisch-forsch mit ihrem hypermodernen Gym-Outfit in die Kamera schauen.

Der Wirtschaftsboss dagegen braucht den distanzierten Blick, Strenge - die heute krawattenlos aufgelockert daherkommen darf - durchsetzungsstarkes Auftreten ohne allzu autoritär zu wirken; ein bisschen nahbar dann eben doch.

Zeigt eine dieser Figuren eine irritierende Eigenschaft - im Erscheinungsbild, in den Äußerungen, im Umgang mit anderen - dann ist das nicht auch einfach eine Facette dieses Menschen, sondern eben nicht mehr authentisch. In der Öffentlichkeit stehende Leute müssen sich dann offen erklären, rechtfertigen. Es ist nicht vorgesehen, dass Authentizität mehrere Ausdrucksweisen haben und sich im Laufe der Zeit unter dem Einfluss von Entwicklungen wandeln kann.

Ein Chamäleon im Tierreich findet man spannend, wer sich gesellschaftlich veränderbar zeigt, gilt als Wendehals.

Im heutigen Verständnis von Authentizität ist dieser Begriff also definitorisch und legt ein für alle Mal fest, welche Selbstdarstellung gilt und welche nicht. Und Gnade dem oder der, die ausbricht aus diesem Korsett und erkennen lässt, das sie Ecken, Kanten und andere Eigenarten hat.

Oder, wie es der Autor Ödön von Horváth so schön formulierte: „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.“

Die Werbung wiederum - auch ein Gradmesser von Trends und Zeitgeistigkeit - gab mal diesen Claim zum Besten: „Ich will so bleiben wie ich bin.“ Begleitet wurde dieser Anspruch von einer Person, die sich in spiegelnden Flächen zufrieden begutachtete - andere kamen in dieser hedonistischen Welt nicht vor.

Diese Selbstbezogenheit und gleichzeitig Ausdruck eines Wandlungsunwillens ist somit nicht ganz neu, sondern eher ein Merkmal einer Gesellschaft, die sich der eigenen Perfektionierung hingibt.

Im Ergebnis sind manche nun geneigt, diese Manie, es müssten alle authentisch sein und werden, als zeitgeistige Marotte zu markieren und sich die einfache Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit, Standhaftigkeit zurückzuwünschen.

Damit wäre zwar eine ganze Authentiziätsbranche, die Optimierung hin zum außenwirksamen Selbst als oberstes Ziel ausgerufen hat, dem Untergang geweiht. Aber vielleicht bekommen wir dann wieder mehr von denen zu sehen, die echte Typen sind, Charakterköpfe und Persönlichkeiten, denen man Launen zugesteht und die genau damit sympathisch und bemerkenswert sind.

Die nicht nur sich selbst sehen, sondern sich auch einmal zurücknehmen und auf ein Umfeld einlassen, in dem ganz andere als die eigenen Themen relevant sind.

Könnte ziemlich spannend sein.

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