Widerstand

Dagegen zu sein, ist ja nicht unbedingt das, was man mit einer konstruktiven Vorgehensweise verbindet. Man hat schnell Kinder im Kopf, die notorisch „Nein“ sagen, pubertierende Jugendliche, die gegen alles und jeden sind, Kollegen, die sich nicht einbringen wollen. 

Doch Widerstand erlebt eine Renaissance. Als politische Kraft, als Auflehnung, als eine wütende Entschiedenheit. Damit ist dann ein Risiko verbunden, wenn das Phänomen Formen annimmt, die demokratiegefährdend sind. Wenn es also wirklich nur um ein Dagegen geht, darum, lautstark Protest zu äußern, wenn Widerstand ausgrenzend wird und alles ignoriert, was nicht den eigenen Wünschen entspricht.

Auf diese Weise wird Widerstand als etwas diskreditiert, das in einer ach-so-heilen Welt nur Schaden anrichtet. Dabei kann er Energien freisetzen, die etwas verändern - Richtung lebenswerte Zukunft, mit einem Dafür.

Vieles, was um uns herum passiert, gibt derzeit offenbar wenig her, um mit guter Laune nach vorne zu schauen. Insofern ist man schnell dabei und in „guter“ Gesellschaft, dagegen zu sein. Nachrichten, Meldungen, Postings, Schlagzeilen - die Gründe werden uns täglich als Futter, pardon: als feeds vorgesetzt.

Allerdings erwächst daraus nicht immer das, was einen konstruktiven Widerstand auslöst, einen, der mit Bewusstsein und Zielorientierung einhergeht. Stattdessen entsteht verbreitet sichtbar eine zerstörerische Kampfeslust. Das geht schnell, zeigt Wirkung und lässt sich für weiteres aufgeladenes Aufreger-Futter verwenden.

Mit dem echten Widerstand hat dies nichts zu tun. Zunächst deshalb, weil es anstrengend ist, den aufzuwenden. Man braucht einen reflektierten Umgang mit dem, was auch hinter den Kulissen stattfindet. Eine gründliche Analyse, um festzustellen, wo die Ursachen für Mißstände liegen. Man muss Argumente erarbeiten, um zum einen andere überzeugen zu können, sich dem Widerstand anzuschließen und zum anderen, um neue Ideen zu entwickeln. Und – ganz ungünstig – substanzieller Widerstand ist nicht geeignet für Vermarktung, Geldvermehrung und Likes.

Das sind keine guten Voraussetzungen, um für widerständige Vorhaben andere zu gewinnen, um dann eine gemeinsame Energie zu entwickeln, mit der von der Idee über die Aktion bis zu einem Ergebnis etwas erreicht werden kann. Denn schnell ist klar - die Angelegenheit braucht Zeit und Hirn.

Das wiederum sind Dinge, die gerade entweder nicht da oder nicht trainiert sind. Hinzu kommt: Zentrale Stellen scheinen auch gar kein Interesse daran zu haben, dass sich das ändert. Denn: Ensteht Widerstand, läuft das auf grundlegende Veränderungen hinaus. Und dieser Ansatz - Veränderung - hat gerade keine Hochkonjunktur. Stattdessen wird verbreitet versucht, ruhig zu stellen, zu alten Tugenden wie Gehorsam oder Leistung zu mahnen und den verklärten Blick zurück zu wenden.

Doch in Zeiten, in denen sich Unrecht durch Gesellschaften frißt, ist es an der Zeit, in den Widerstand zu gehen, sich der Gefolgschaft - heute unhinterfragt als “following” praktiziert - und den Aufforderungen, nach fragwürdigen Codes zu funktionieren, zu verweigern.

Dagegen, pardon: dafür sollte sich Widerstand regen. Denn diejenigen, die es schaffen, Widerstand positiv zu wenden und Energie für erstrebenswerte Zukunftsaussichten zu aktivieren, die sollten doch andere dafür gewinnen können, mal entschieden zu widersprechen. Widerworte zu geben, kann ein guter Befreiungsschlag sein - für alle.

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