Innovation

Ein Wort mit Donnerhall. Wahlweise führt Innovation ins Paradies oder geradezu in den Untergang. Die einen verbinden mit dem Begriff die Rettung aller offenen Fragen, sehen darin die Lösung aller Rätsel unseres Seins und das endgültige Ziel, uns ewig leben zu lassen. Die anderen warnen vor Disruption, vor dystopischen Zuständen, vor unbeherrschbaren Risiken. 

Auf der einen Seite sammeln sich die, die den genialen Fortschritt postulieren, auf der anderen Seite kommen die zusammen, für die das alles der Untergang der fein säuberlich organisierten Zustände bedeutet. Erst recht, wenn das alles zu schnell, sprunghaft gar und somit gefühlt unkontrollierbar passiert.

Wer blickt da noch durch.

Wir wissen, dass Innovation das Neue meint. Etwas, das wir noch nicht haben, oft genug noch nicht einmal kennen, und das uns in Bereiche führt, die entsprechend dunkel sind. Und wenn was gefunden wurde, der Bereich aufhellt, kommen auch die Schatten ans Licht. Unsere Erfahrungen aus einer mittlerweile auch schon historischen Moderne - erst recht im „Abendland“, dessen Untergang ja schon seit längerem immer wieder prophezeit wird - geben immer mehr Anhaltspunkte, dass die Neuerungen, die uns mit dieser Moderne beschert wurden, ganz schnell zu Lasten und dann zu Altlasten werden.

Wenn wir also heute den Begriff „Innovation“ hören - insbesondere, wenn er aus dem Poltik-Betrieb kommt oder als neues Wirtschaftswunder-Versprechen verkauft wird - dann entsteht nicht unbedingt und verbreitet Begeisterung. 

Zumal viele Innovationen heute dazu erfunden werden müssen, um die Schäden der alten Entwicklungen (die auch mal Innovationen waren) zu beheben.

Der Verbrennermotor, der uns überall in die Welt brachte - eine Alt-Last. Die Atomkraft, die uns unbegrenzte Energie für die Befriedigung einen grenzenlosen Energiehungers versprach - ein Müll- und Katastrophen-Problem. Das Internet, mit dem wir global und frei miteinander in den Austausch gehen können - eine eigene Welt, die sich gegen uns zu wenden scheint. Medizin-Erfolge, die uns längeres Leben verschaffen - mit Nebenwirkungen, die z.T. nicht kontrollierbar sind. Und überhaupt: All diese Erfindungen und andere mehr erzeugen Neben- und Nachwirkungen, die wir nicht so recht in den Griff bekommen und die sich in Klimawandel, Pandemien und antidemokratischen Auswüchsen widerspiegeln.

Und nun? Sind Innovationen damit obsolet? Sind sie gar das Damokles-Schwert, gegen das wir Tradition, gar Rückwärtsgewandtheit, Stillstand, Einigeln und ähnliche Maßnahmen setzen müssen, um zu retten, was zu retten ist?

Ein eindeutiges Nein.

Allerdings müssen wir schon darüber Einigung erzielen, was wir denn unter innovativ verstehen wollen. Welche Innovationen wir wirklich brauchen. Wie die eingebunden sind, in das, was schon da ist. Wo Verbindungen hergestellt werden können zwischen den verschiedenen Bereichen, in denen Neuheiten gedacht und erforscht werden.

Wir brauchen Begeisterung. Für innovative Ideen. Und für das kritische Hinterfragen. Iterativ müssen wir darüber nachdenken, was Menschen, Flora und Fauna, dem Zusammenleben, der planetaren Entwicklung wirklich gut tut und wo wir mal besser - und sei es auch nur für eine weitere Denk- und Dialogschleife - die Finger von lassen.

In einer Welt, die vorankommen möchte - hin zu Menschlichkeit, zu Wohlstand im Sinne eines friedlich-gesunden Lebens, zu globalem Qualitätsgewinn - können Innovationen der entscheidende Faktor sein. 

Damit diese Auffassung sich Bahn bricht, damit Innovation nicht als Schreckensszenario gilt, sondern wieder ein Zukunftsversprechen wird, muss eine große Anstrengung gemacht werden. Eine Anstrengung des Miteinanderredens. 

Nur, wenn Verständigung über alle Grenzen hinweg und über alle offenen Fragen erreicht wird, hat Innovation die Chance, das zu erreichen, wozu sie da ist: Das Leben umfassend besser zu machen.

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