Empathie

Eine Frage gleich zu Beginn: Geht Empathie mit der gleichzeitig vehement postulierten Forderung nach Authentizität zusammen? Was haben diese beiden Zeitgeist-Phänomene miteinander zu tun.

Zu Authentizität wurde hier schon etwas gesagt. Hier findet die Ausrichtung vorrangig an sich selbst, am eigenen Ego statt

Bei der Empathie richtet man stattdessen die Antennen auf die Außenwelt, auf andere, auf ein Gegenüber, das außerhalb seiner selbst liegt. Wer in dieser Welt zuhört, nicht nur hinhört, kommt empathisch gut weiter.

Damit tun sich viele aktuell nicht leicht. Die Welt überfordert, selbst die alltäglichen Aufgaben werden zuviel, das Leben ist voller Ablenkungen, die man gerne annimmt, um sich den wesentlichen sozialen Themen vorzugsweise entziehen zu können.

Problem: Wenn das fast allen so geht, dann trifft der Bonmot zu „Wenn jede und jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht“.

Dass darin ein Denk-Fehler liegt, wird schnell erkennbar. Möglicherweise wird umgekehrt der berühmte Schuh draus: Wenn jede und jeder an die unterschiedlichsten Menschen auf diesem Planeten denkt, kommt man selbst auch vor, und dann können eben alle berücksichtigt und einbezogen werden.

Das nämlich meint Empathie. Es geht um ein Hinein-Fühlen. Nein, weniger um das In-sich-selbst-hineinfühlen, sondern eines, das eine moralische Qualität hat. Gemeint ist dann vielmehr die Wahrnehmung dessen, was andere bewegt, wo Unsicherheiten, Fragen, auch Leid herrschen. 

Empathie hat dabei eine Komponente, die mit Leidenschaft verbunden ist. Sich also bewusst zu werden, dass andere sich in einer Lage befinden könnten, die anders ist als die eigene. Und dass diese Situation also einen anderen, einen leidenschaftlich engagierten Umgang erfordert, um im Leben möglichst viel und Vielen soziale Gemeinschaft zu ermöglichen.

Empathie erfordert dann ziemlich viel Emotion. Eine Emotion, die nicht auf den eigenen Genuss, die eigenen Freuden ausgerichtet ist, sondern eine, die Kraft daraus zieht, sich in einer Welt zu entwickeln, in der das eigene Glück an das anderer gekoppelt ist. 

Diese Auffassung trennt sich von dem Hedonismus des ausgehenden 20. Jahrhunderts, der gerade verbreitet wieder aufersteht. Sie geht stattdessen einher mit einer Haltung, in der Emotionen in Verbindung stehen mit Verantwortung. Denn ein Wohl-Gefühl bleibt hohl und irgendwann im Klein-Klein stecken, wenn es keine Energie von außen bekommt und nicht nach außen zurückstrahlt.

Empathie ist also ein Energie-Lieferant. Etwas, das nicht Kräfte raubt, sondern Möglichkeiten öffnet. Und damit vielleicht eine Menge von dem retten könnte, was gerade von unempathischen Figuren zerdeppert zu werden droht.

Ein Gedanke zum Schluss: Es könnte doch sein, dass authentische Empathie der Schlüssel zu einem zukunftsverträglichen Miteinander wäre - das Höchste der Gefühle.

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