Überraschung
Klingt in diesem Wort nicht etwas Verheißungsvolles? Nach etwas in einer aufregenden Verpackung? Wenn man sie schüttelt, macht es Geräusche, die Form des Ganzen ist ungewöhnlich, nichts deutet so recht auf den Inhalt hin.
Man schaut sich das Objekt von allen Seiten an, macht sich daran, Schicht für Schicht der Umhüllung abzuschälen; alles ganz schön spannend.
Und dann….
Eben. Man weiß es vorher nicht. Das ist das Charakteristische an einer Überraschung. Einer echten Überraschung. Also nicht der Inszenierung einer Sache, die man bestellt hat und die nur der Form halber in diese Verpackung gesteckt wurde. Also etwas, das sozusagen erwartet wurde und wo die Enttäuschung groß wäre, käme nach der Enthüllung etwas anderes hervor als bestellt.
Das also haben Überraschungen an sich: Man kennt das Phänomen vorher nicht, es kommt etwas um die Ecke, mit dem man weder gerechnet, noch das man sich explizit gewünscht hätte.
Mit solchen Ereignissen haben wir es gefühlt immer häufiger zu tun. Ob es die Regierung ist, die ein Paket nach dem nächsten schnürt, die Tech-Bros, die immer neuen Gimmicks aus den merkwürdigen Hüten zaubern, die Bahn, die alles zu haben scheint, nur keinen Plan oder das berühmte Wetter, das im Sommer nicht liefert, was „früher“ doch mal als Sommer galt.
Nichts scheint mehr kalkulierbar zu sein. Schon der Weg vor die Haustüre kann eine Überraschung mit sich bringen - und das ist alles immer weniger verheißungsvoll, sondern bedrohlich.
Und so ist der Überraschung - die mal in einem Ei steckte und auf die sich Kindern beim Geburtstagsfeste freuten oder die sich bot, wenn man in ein anderes Land in den Urlaub fuhr - das Wunder genommen, die Vorfreude, das Erinnerungswürdige, das, von dem man noch Jahre später erzählen kann.
Der Zauber der Überraschung ist einem Schrecken gewichen. „Lass‘ dich überraschen“ ist keine Aussicht mehr, der man entgegenfiebert. Stattdessen fragt man sich, ob es nicht doch ein Navi, eine App, eine Organisation gibt, die klar, eindeutig und sicher die Leitplanken setzen kann, an denen man entlang zum Ergebnis kommt. Am besten so, wie man es bestellt hat.
Wir nehmen uns viel, wenn wir uns immer nur darauf verlassen wollen, dass wir das erhalten, was wir für selbstverständlich halten. Wenn wir dem Unerwarteten stets ausweichen. Wenn wir nur das akzeptieren, was uns genehm erscheint und bei allem anderen frustiert schmollen.
Oder um es anders zu formulieren: Diese Welt ist kein Online-Portal, auf dem wir bestellen könnten, was uns passt - und es zurückschicken, wenn es überraschenderweise anders kommt. Auch kein Sportevent, bei dem das Ergebnis schon vorher klar ist - und wo das Lamento groß ist, wenn diese Rechnung nicht aufgeht. Und ebensowenig eine Regierung, die liefert, was man gewählt hat - weil die Welt sich eben anders entwickelt und es ohnehin auch noch andere Menschen mit anderen Bedürfnissen in eben dieser Welt gibt.
Üben wir uns also darin, Überraschungen wieder als das zu begrüßen, was sie sind: Das Unbekannte, das Neue, das Andere, das Weiterentwickelbare, das Teilbare, das Experiment. Ein Geschenk eben.
Das mit Vorfreude anzunehmen und anschließend daraus etwas zu machen - das ist die wahre Kunst und kann zu weiteren überraschenden Ereignissen führen.